Ringelnatz – Dresden – 11. September 2014
Ansprache eines Fremden an eine Geschminkte vor dem Wilberforcemonument
Guten Abend, schöne Unbekannte!
Es ist nachts halb zehn.
Würden Sie liebenswürdigerweise mit mir schlafen gehn?
Wer ich bin?
Liebes Kind, ich werde Sie belügen,
Von uns beiden bin ich der Gescheitre.
Glaub mir, liebes Kind:
Wenn man einmal in Sansibar
Und in Tirol und im Gefängnis und in Kalkutta war,
Dann merkt man erst, dass man nicht weiß,
Wie sonderbar
Die Menschen sind.
Übrigens war ich in Altona an der Elbe
Schaufensterdekorateur. (Tuten)
Hast du das Tuten gehört?
Schiffsbauchmusik,
Die Wilson Line,
Wie? Ich sei angetrunken?
O nein, nein! Nein! Ich bin völlig besoffen
Und hundsgefährlich geistesgestört.
Wie du misstrauisch neben mir gehst!
Wart nur, ich erzähl dir
Von mir:
Ich bin etwas schief ins Leben gebaut.
Wo mir alles rätselvoll ist und fremd,
Ich bin eine alte Kommode.
Oft mit Tinte oder Rotwein begossen;
Manchmal mit Fußtritten geschlossen.
Du – der wird kichern, der nach meinem Tode
Mein Geheimfach entdeckt.
Ach Kind, wenn du ahntest,
Wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!
Ich habe auch kein richtiges Herz.
Ich bin nur ein kleiner, unanständiger Schalk.
Mein richtiges Herz,
Das ist anderwärts,
Irgendwo Im Muschelkalk.
Ein großer Seemann wollte er werden, der kleine Herr aus dem sächsischen Wurzen, weil er aber kurzsichtig war, gings schief. Er musste sich als Agent durchschlagen, probierte es als Archivar und Dekorateur, war Bibliothekar bei Baron von Münchhausen, versuchte sich als Fremdenführer und Gartenbauschüler und gab im Telefonbuch, weil es nach Höherem klang, als Beruf Kunstmaler an. Vielleicht seiner Frau Leonarda zuliebe, die er Muschelkalk nannte, Tochter eines Bürgermeisters einer märkischen Kleinstadt, deren sanfte Bürgerlichkeit so gar nicht zu der vagabundierenden Unvernunft des Joachim Ringelnatz passte, der eigentlich Hans Bötticher hieß: geboren am 7. August 1883. „Der letzte Bajazzo des literarischen Kabaretts“, wie man ihn bewundernd genannt hat.
Die Nazis verbrannten seine Bilder, setzten seine Bücher auf die schwarze Liste, und per Verfügung vom 12. April 1933 wurde das „geplante Auftreten des Schriftstellers Joachim Ringelnatz in der Künstlerkneipe Simplizissimus zum Schutze von Volk und Staat" von der bayerischen Polizei untersagt. Um leben zu können, machte er seifenblasenbunte Reklame-Verse:
Es wechseln die Moden,
Aber der Hosenboden
Bleibt sinngemäß
Immer unterm Gesäß.
Für die Sektfirma Deutz & Geldermann dichtete er:
Hast du einmal viel Leid und Kreuz,
Dann trinke Geldermann und Deutz,
Und ist dir wieder besser dann,
Dann trinke Deutz und Geldermann.
Der Schauspieler Paul Wegener hat diesen unmöglichen, unverzagten, unermüdlich Unsinn in Dichtung umwünschenden Sternengucker Joachim Ringelnatz so beschrieben: „Er war ein Mensch, der am liebsten die Blumen im Teppich begossen hätte, weil die niemals Wasser bekommen.“
Am 17. November 1934 starb Ringelnatz in Berlin. Bei der Beerdigung spielte die Orgel sein Lieblingslied: La Paloma.
Ich weiß nicht, was man Ringelnatz auf seinen Grabstein geschrieben hat. Unter seinen Gedichten wäre da ein Vierzeiler gewesen:
Ich deute euch jederzeit
Falsches und Wahres,
Und Wunderbares
Der bunten Winzigkeit.
„Es gibt nicht so viele Dichter, aber Ringelnatz ist einer.“ Kurt Tucholsky hat das gesagt. „Es fällt mir gar nicht ein“, schreibt er, „über ein Pathos, das mir nicht zugänglich ist, Witze zu machen – aber mir sagt Heroisches wenig, Pathetisches wenig, Hymnisches wenig. Dagegen sehe ich in manchem Blankvers – Ringelnatzens tiefstes Leid – man kann dasselbe auch sehr ernst sagen, aber dann ist es nicht ganz so wirksam. So ist mir eine seiner Figuren, die nachts, mit durchaus bemachten Hosen durch die Straßen schleicht, immer als wirklicher Gott des Leidens erschienen. Er denkt, nun sei alles aus – eine Wohnung hat er nicht, frische Hosen hat er nicht … weil aber der Morgen kommt – geht es so weiter mit der Komödie des Lebens, geht es immer so weiter.
Gedicht über einen, dem alles danebenging
Ich war aus dem Kriege entlassen,
Da ging ich einst weinend bei Nacht,
Weinend durch die Gassen.
Denn ich hatte in die Hosen gemacht.
Und ich habe nur die eine
Und niemanden, wo sie reine
Macht oder mich verlacht.
Und ich war mit meiner Wirtin verquer.
Und ich irrte die ganze Nacht umher,
Innerlich alles voll Sorgen.
Und sie hätten vielleicht mich am Morgen
Als Leiche herausgefischt.
Aber weil doch der Morgen
Alles Leid trocknet und alle Tränen verwischt … (Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen)
„Aber was ist das alles gegen meine alte Lieblingsgeschichte von ihm“, schreibt Tucholsky: Durch das Schlüsselloch eines Lebens. Ich wusste jahrelang ganze Absätze daraus fast auswendig. Seine Geschichte ist so: Ein Mann geht, um sich seinen Burgunderkopf auszulüften, morgens durch die Vorstadt aufs Land – geht spazieren und sieht sich jene vermiekerte Gegend an, wie sie so um die Großstädte zu sein pflegt: nicht mehr Stadt und noch nicht Land, aber von beiden die schlechten Eigenschaften. Und findet da im Schnee ein kleines Damen-Notizbuch. Die Adresse steht drin. Auch Bleistiftnotizen: »Graf Naschauer – Perlgürtel – Puderdose – Bahnhof – vier Uhr Kaiserplatz kleiner Schwarzer – Rezept Hirschpastete – ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie – Baron von Biegemann, Frankfurt am Main, Taunusstraße 7« und, na ja, was so in einem Damen–Notizbuch steht. Und weil der Mann müde ist und etwas sucht, was ihn aufrütteln könnte, geht er in die Wohnung dieser Dame. Sie ist ausgegangen. Und der Mann sieht sich nun einen dämmerigen Winternachmittag lang alle Sachen in dieser Stube an, die Bilder und den Kanarienvogel und die Bücher und Fotografien und rätselt so herum … einmal taucht er auch das Gesicht rasch in einen Stoß weicher Spitzenhosen, die da auf dem Bett liegen – »trat aber doch darauf schnell und verlegen zurück«, heißt es im Text. Und blättert in Büchern, die ihm fremd sind, und blättert in einem Leben, das ihm so nahe ist, und sieht, wie dieses Damenleben abwärts gegangen ist, und überblickt, wie es weiter abwärts gehen wird … und weil man aufhören soll, wenns am besten schmeckt, geht er leise aus dem Zimmer und zieht die Tür hinter sich zu.
Wer hat so viel Achtung und Liebe vor fremdem Leben wie unser Ringelnatz, vor der fremden Fülle, der Wichtigkeit der andern, den Mikrokosmen der andern …?“ fragt Tucholsky.
Joachim Ringelnatz, der kleine Mann mit der großen Nase und den zahllosen Berufen, der so viel Liebe zu verschenken hatte, und dem bei aller Herzensgroßmut nichts heilig war, er zog als Vagabund durch die Welt.
Trunkener Abschied von Paris
Herz, ich schreibe dies
In der letzten Stunde in Paris,
Aus der letzten Flasche echt Champagner
In dem Negre de Toulouse,
Nicht so froh, wie ich zuvor aus mancher
Unsentimentalen Stunde sandte manchen Gruß.
Dass ich hier nicht länger durfte bleiben,
Lässt glückstraurig jetzt mich selber quälen.
Morgen aber werd ich frech erzählen
Und deutschabenteuerlich viel übertreiben,
Wie von einer sternenweiten Ferne,
Wie Paris mir ist – ach nein, dann war –.
Denk dir nur: Jede siebente Laterne
Hier ist ein naives Pissoir.
Unsympathisch, unergründlich
Comme chez nous ist die Bourgeoisie,
Doch die simplen Leute von Pari
Und die Künstler und die bunten Fremden,
Pascin, Eiffelturm und der und das und die –
Morgen, Liebste, schildre ich das mündlich.
Und die Strümpfe und koketten Hemden.
Zwar nach einundzwanzig Bummeltagen
Ist noch nichts Erschöpfendes zu sagen
Über dies
Dies Paris.
Auch was ich dir morgen angter nus
Glühend loben werde, prüfe dus.
Prost!
Und bums! Ein Glas zerschlug im Nègre de Toulouse.
In Paris war. In Dresden war er. In Bielefeld war er.
Marter in Bielefeld
Es war in Bielefeld so bitter kalt.
Ich sah ein Weib, das nichts als eine knappe
Hemdhose trug. Dass ich erschauerte
Und ihren kalten Zustand heiß bedauerte.
Denn sie war nur Attrappe – Fleisch aus Pappe.
Ich wäre gar zu gern zu zweit gewesen.
Nun stand ich vor der reizenden Gestalt,
Musste herabgesetzte Preise lesen,
Und ach, die Ladenscheibe war so kalt.
Der Frost entlockte meiner Nase Tränen.
Die Dame schwieg. Die Sonne hat gelacht.
In mir war qualvoll irgendwas entfacht.
Es kann kein Mann vor Damenwäsche gähnen.
„Die Sentimentalität ist so hübsch in bunten Teig eingebacken“, urteilt Tucholsky, „dass man sie nur ganz leise im Nachgeschmack hat – und was geradezu erstaunlich ist, das ist das Auge und das Ohr des Autors. Er hört noch die Schwingungen, die in den Pausen zwischen den Worten sind – es entgeht ihm nichts.“
Abschiedsworte an Pellka
(die Abschiedsworte an eine Pellkartoffel)
Jetzt schlägt deine schlimmste Stunde,
Du Ungleichrunde,
Du Ausgekochte, du Zeitgeschälte,
Du Vielgequälte,
Du Gipfel meines Entzückens.
Jetzt kommt der Moment des Zerdrückens
Mit der Gabel! – Sei stark!
Ich will auch Butter und Salz und Quark
Oder Kümmel, auch Leberwurst in dich stampfen.
Musst nicht so ängstlich dampfen.
Ich möchte dich doch noch einmal erfreun.
Soll ich Schnittlauch über dich streun?
Oder ist dir nach Hering zumut?
Du bist so ein rührend junges Blut.
Deshalb schmeckst du besonders gut.
Wenn das auch egoistisch klingt,
So tröste dich damit, du wundervolle
Pellka, dass du eine Edelknolle
Warst, und dass dich ein Kenner verschlingt.
Ein großer Seemann wollte er werden, der Hans Bötticher aus dem sächsischen Wurzen. Ohne Wissen der Eltern hatte er 1901 für ein Jahr als Schiffsjunge und Leichtmatrose angeheuert, er diente als Freiwilliger in der Kaiserlichen Marine und war im Ersten Weltkrieg Leutnant zur See auf einem Minensuchboot. In den Gedichten vom Seemann Kuttel Daddeldu erzählt der Dichter vom heiß erträumten Dasein auf den Schiffen und Meeren und in den Kneipen an Land. Dieser Kuttel Daddeldu sieht alles im Leben wie zum ersten Mal. Er ist von überwältigender Kindlichkeit, die keine Hemmungen, keine Tabus kennt. Die Realität ist bei ihm ganz anders, als der gesunde Menschenverstand sie sieht, nämlich chaotisch, undurchschaubar. Der Dichter führt dieses bizarr ausgestattete Ungetüm Kuttel Daddeldu in unmöglichen Situationen vor. Es wird von wilden Seefahrten erzählt, von wüsten Landaufenthalten in Hafenkneipen, Bordellen, bei der festen Braut Marie, die aus Bayern stammt, wir hören von von Kindern, die er in aller Herren Ländern hat, und „Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu“ endet in einer wüsten Schlägerei. Mit seinen moritatenhaften Grotesken tingelte Ringelnatz in den 20er und frühen 30er Jahren quer durch Deutschland.
Wie Daddeldu so durch die Welten schifft,
Geschieht es wohl, daß er hie und da
Eins oder das andre von seinen Kindern trifft,
Die begrüßen dann ihren Europapa:
»Gud morning! – Sdrastwuide! – Bong Jur, Daddeldu!
Bon tscherno! Ok phosphor! Tsching – tschung! Bablabü!«
Und Daddeldu dankt erstaunt und gerührt
Und senkt die Hand in die Hosentasche
Und schenkt ihnen, was er so bei sich führt,
Whiskyflasche,
Zündhölzer, Opium, türkischen Knaster,
Revolverpatronen und Schweinsbeulenpflaster,
Gibt jedem zwei Dollar und lächelt: »Ei, ei!«
Und nochmals: »Ei, Ei!« – Und verschwindet dabei.
Aber Kindern von deutschen und dänischen Witwen
Pflegt er sich intensiver zu widmen.
Die weiß er dann mit den seltensten Stücken
Aus allen Ländern der Welt zu beglücken.
Elefantenzähne – Kamerun,
Mit Kognak begossnes malaiisches Huhn,
Aus Friedrichroda ein Straußenei,
Aus Tibet einen Roman von Karl May,
Einen Eskimoschlips aus Giraffenhaar,
Auch ein Stückchen versteinertes Dromedar.
Und dann spielt der poltrige Daddeldu
Verstecken, Stierkampf und Blindekuh,
Markiert einen leprakranken Schimpansen,
Lehrt seine Kinderchen Bauchtanz tanzen
Und Schiffchen schnitzen und Tabak kauen.
Und manchmal, in Abwesenheit älterer Frauen,
Tätowiert er den strampelnden Kleinchen
Anker und Kreuze auf Ärmchen und Beinchen.
Später packt er sich sechs auf den Schoß
Und lässt sich nicht lange quälen,
Sondern legt los:
Grog saufen und dabei Märchen erzählen;
Von seinem Schiffbruch bei Feuerland,
Wo eine Woge ihn an den Strand
Auf eine Korallenspitze trieb,
Wo er dann händeringend hängen blieb.
Und hat nix zu fressen und saufen;
Nicht mal, wenn er gewollt hätte, einen Tropfen Trinkwasser, um seine Lippen zu benetzen,
Und kein Geld, keine Uhr zum Versetzen.
Außerdem war da gar nichts zu kaufen;
Denn dort gabs nur Löwen mit Schlangenleiber,
Sonst weder keine Menschen als auch keine Weiber.
Und er hätte gerade so gern einmal wieder
Ein kerniges Hamburger Weibstück besucht.
Und da kniete Kuttel nach Osten zu nieder.
Und als er zum drittenmal rückwärts geflucht,
Da nahte sich plötzlich der Vogel Greif,
Und Daddeldu sagte: »Ei wont ä weif.«
Und der Vogel Greif trug ihn schnell
Bald in dies Bordell, bald in jenes Bordell
Und schenkte ihm Schlackwurst und Schnaps und so weiter. –
So erzählt Kuttel Daddeldu heiter
Märchen, die er ganz selber erfunden.
Und säuft. – Es verfließen die Stunden.
Die Kinder weinen. Die Worte verlallen.
Die Mutter ist längst untern Tisch gefallen,
Und Kuttel – bemüht, sie aufzuheben –
Hat sich schon zweimal dabei übergeben.
Und um die Ruhe nicht länger zu stören,
Verlässt er leise Mutter und Göhren.
Denkt aber noch tagelang hinter Sizilien
An die traulichen Stunden in seinen Familien.
Dieser Seemannsgarn spinnende Poet Joachim Ringelnatz konnte es aber auch ganz leise und abgerückt vom Sensationsgepolter der Welt:
Rettende Insel
Wenn Parteien sich und Massen
Sichtbar und geräuschvoll hassen,
Klingt das mir wie Meeresrauschen.
Und dann mag ich henkelltrocken
Still auf einer Insel hocken,
Die mich zusehn lässt und lauschen.
Nicht, dass ich dann etwa schürfe
Oder was dazwischen würfe
Oder schlichten wollte, nein,
Nein, ich weiß, das muss so sein.
Und ich dehne mich und schlürfe
Eingefangnen Sonnenschein.
Und dann schwimmt – fast ist es schade –
Noch ein Mensch an mein Gestade,
Sucht an meiner Pulle Halt.
Aus ist die Robinsonade,
Denn nach Insulanersitte
Sag ich unwillkürlich: „Bitte!“
Und ein zweiter Pfropfen knallt.
Und wir trinken. Es gesellen
Andre sich dazu. Die Wellen
Glätten sich. Der Hass zerstiebt.
Bis zuletzt in süßer Ruhe
Niemand noch was in die Schuhe
Andrer schiebt,
Und sich alles gegenseitig
Eingehenkellt ganz unstreitig
Duldet, gern hat oder liebt.
Der Privatmensch Joachim Ringelnatz hatte mit dem abgerissenen Seemann Kuttel Daddeldu, den er auf der Bühne spielte, wenig zu tun. Der private Ringelnatz trug weiße Anzüge und Gamaschen, hatte einen Gehstock. Er war in der Regel sorgfältig herausgeputzt, dandyhaft und eitel. Er liebte teure Weine und Champagner. Er hat das Geld in vollen Zügen ausgegeben, wenn er es denn hatte, verkehrte mit berühmten Leuten wie Max Schmeling und der Filmdiva Asta Nielsen.
An Asta zum Geburtstag
Frohe Zukunft wie auf Rosen,
Langes Leben, weiße Hosen,
Liebesluft wie Ricke-Katz
Wünscht dir heute Ringelnatz.
An Asta Nielsen – 11. Februar 1934 (neun Monate vor seinem Tod)
Du dort, ich hier.
Ich hier, du dort.
So reisen wir
Vonander fort.
Wann kommen wir zusammen
Verliebt, wie wilde Flammen?
Du siehst, die Sehnsucht heiß und tief
Diktiert mir diesen Liebesbrief.
(Erzähle nichts an Muschel!
Sonst gäbe das am Sachsenplatz
Über das Thema »Ringelnatz«
Ein fürchterlich Getuschel.)
Sei mir gegrüßt und bleibe hold
Gesinnt dem alten Trunkenbold,
Dem Menschen und dem Dichter.
Denn überall und jederzeit
Verlöschen nachts bei Dunkelheit
Die meisten Lichter.
In den 20er/30er Jahren war Ringelnatz ein Star. Wenn er in eine Stadt kam, war das ein Ereignis. Aber er wurde nicht gut bezahlt. Ihm blieb gar nichts anderes übrig, als viel zu arbeiten. Und das machte er mit ganzem Herzen. Er hat manchmal drei 90 Minuten–Programme an einem Abend absolviert. Er war geradezu bühnensüchtig, liebte sein Publikum, er genoss es, angehimmelt zu werden und bei der Kritik Lob einzuheimsen.
1909 kam Ringelnatz nach München. Dort entdeckte er das Künstlerlokal "Simpl" (den berühmten "Simplicissimus"), wo sich die Boheme der Zeit traf: Frank Wedekind, Klabund, Hermann Hesse, Erich Mühsam und andere. Hier begann seine literarische Karriere. Kathi Kobus, die Wirtin, machte ihn zum Hausdichter des "Simpl", hier trug Ringelnatz allabendlich seine Verse vor.
Wie die Kathi zu ihrem Hausdichter kam
Er ritt auf seinem Pegasus,
Hell glänzte die edle Nase,
Die Wirtin vom Simplicissimus
Stand vor der Tür auf der Straße.
Sie sah ihn halten und rief entsetzt:
»Was kommt denn dort für Geflügel?«
Doch sprach sie's nur leise und hielt ihm zuletzt
Beim Absteigen höflich den Bügel.
Er zog sie ins Zimmer mit wilder Hast
Und knitterte mit Papieren.
Ein langes Gedicht, von ihm selbst verfasst,
Begann er zu deklamieren.
Da ließ sie ihm eiligst vom Pfälzer Wein
Einen mächtigen Humpen bringen
Und bat ihn flehend: »Halt ein! Halt ein!
Mir will das Trommelfell springen.«
Handgreiflich haben sie sich gepackt,
Doch waren sie sich gewachsen,
Und schließlich schloss einen Friedenskontrakt
Die Bayerin mit dem Sachsen.
Er sollte, wie es gerade trifft,
Für ihren Hausbedarf dichten
Und sollte dafür als Gegengift
Möglichst viel Pfälzer vernichten.
So kam es. Sie leben schon manches Jahr
Zusammen auf gutem Fußi,
Und böse Menschen behaupten sogar,
Er wäre jetzt ihr Gespusi.
Und kaum war er zum Hausdichter avanciert, rang er sich auch schon die ersten Hauspoesien ab. Zum Beispiel das Simplicissimus–Lied – zu singen nach der Melodie von „Strömt herbei, ihr Völkerscharen“
Simplicissimus-Lied
Mitternacht ist's. Längst im Bette
Liegt der Spießer steif und tot,
Ja, dann winkt das traulich nette
Simpel-Gasglüh-Morgenrot.
Und mich zieht's mit Geisterhänden,
Ob ich will, ob nicht, ich muss
Nach den bildgeschmückten Wänden
In den Simplicissimus.
Wo sich zum gemeinen Wohle
Künstler und Boheme trifft,
Wo die Kathi still zur Bowle
Mischt das tödlich scharfe Gift;
Wo mit Mandolinenklängen
Sich verwebt der Weißwurst Dampf,
Lausch ich fröhlichen Gesängen
Und dem Mords-Klaviergestampf.
Die Kollegen verehrten den Hausdichter Ringelnatz. Einer, der ihn als Conférencier oft ankündigte, Karl Schnog, hat den Auftritt des Hausdichters in Versen so festgehalten:
Es geht ein stummes Leuchten von ihm aus
Ûnd sehr viel kindlich–schrille Güte.
Kommt er zum Auftritt, kommt er wie nach Haus
Mit einer knisterfremden Zuckertüte.
Bevor er zögernd auf die Bühne tritt,
Muss er erst vielen etwas Liebes sagen,
Oft bringt er jüngst verehrte Rosen mit,
Die die Kollegen dann wie Orden tragen.
Es riecht nach Meer um ihn und nie nach Buch,
Wenn man ihn hört, hat man ihn nie gelesen,
Und geht er ab, wirds leer, als sei Besuch
Aus fremden schönen Ländern dagewesen.
Ja, und an solchen Abenden hat dieser Joachim Ringelnatz dann manchmal das leiseste Gedicht der Welt vorgetragen.
Im Park
Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum
Still und verklärt wie im Traum.
Das war des Nachts elf Uhr zwei.
Und dann kam ich um vier
Morgens wieder vorbei,
Und da träumte noch immer das Tier.
Nun schlich ich mich leise – ich atmete kaum –
Gegen den Wind an den Baum,
Und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.
Und da war es aus Gips.
Joachim Ringelnatz eröffnete zu seiner Zeit als Simplicissimus–Poet in der Münchener Schellingstraße einen Laden, den er das „Tabackhaus zum Hausdichter“ nannte. Das Schaufenster dekorierte er mit einem menschlichen Gerippe, das, so wird es erzählt, „zwischen Zigarrenkisten und Zigarettenschachteln herumwühlte“. Ein Reklameschild warb mit mit dem Slogan: „Damen und Herren werden auf Wunsch gegen Bezahlung angedichtet … es grüßt der Hausdichter!“. Die ziemlich verstörte Kundschaft ließ den Laden bereits nach einem Jahr in Konkurs gehen.
Und da war da ein Mädchen, „Muschelkalk“ liebevoll vom Eroberer Joachim gerufen, das eigentlich Leonarda Pieper hieß. Sechzehn Jahre jünger als der Verlobte. Doch als sie vom Heiraten sprachen, war da auch der Krieg. Ringelnatz musste auf sein Schiff, Muschelkalk wurde Lehrerin in einem Pensionat. Aber eines ferneren Tages, an seinem 37. Geburtstag, am 7. August 1920, heiratete er mittellos in München. Und sie zog als Frau Ringelnatz bei ihm ein. Manche gute Freundin wird um dieses Mädchen gebangt haben: Aus gutbürgerlicher Familie stammend, in Pensionaten erzogen, selbst Pensionatslehrerin – und so etwas heiratet ausgerechnet diesen Schlawiner, diesen Hallodri, diesen Luftballonromantiker! „Nein, er war durchaus kein Engel!“ sagte sie später über ihn.
Meine erste Liebe?
Erste Liebe? Ach, ein Wüstling, dessen
Herz so wahllos ist wie meins, so weit,
Hat die erste Liebe längst vergessen,
Und ihn intressiert nur seine Zeit.
Meine letzte Liebe zu beschreiben,
Wäre just so leicht wie indiskret.
Außerdem? Wird sie die letzte bleiben,
Bis ihr Name in der Zeitung steht?
Meine Abenteuer in der Minne
Müssen sehr gedrängt gewesen sein.
Wenn ich auf das erste mich besinne,
Fällt mir immer noch ein frühres ein.
Liebesgedichte konnte dieser Schwadroneur wie die ganz Großen, manchmal sogar besser:
Ein männlicher Briefmark erlebte
Was Schönes, bevor er klebte.
Er war von einer Prinzessin beleckt.
Da war die Liebe in ihm erweckt.
Er wollte sie wiederküssen,
Da hat er verreisen müssen.
So liebte er sie vergebens.
Das ist die Tragik des Lebens.
Ein Liebesbrief – vom Dezember 1930
Von allen Seiten drängt ein drohend Grau
Uns zu. Die Luft will uns vergehen.
Ich aber kann des Himmels Blau,
Kann alles Trübe sonnvergoldet sehen.
Weil ich dich liebe, dich, du frohe Frau.
Mag sein, dass alles Böse sich
Vereinigt hat, uns breitzutreten.
Drei Rettungswege gibts: Zu beten,
Zu sterben und »Ich liebe dich!«
Und alle drei in gleicher Weise
Gewähren Ruhe, geben Mut.
Es ist wie holdes Sterben, wenn wir leise
Beten: »Ich liebe dich! Sei gut!«
Von allen Seiten drängt ein drohend Grau uns zu, die Luft will uns vergehen – dichtet Ringelnatz. Die Nazis marschieren auf. Er wehrt sich mit einem himmelblauen „Ich liebe dich“. Ein anderer, der große Kabarettist Werner Finck, erzählt auch vom drohend herandrängenden Grau.
Gang durch die Kuhherde
Nächtlich auf der dunklen Weide
Grasen viele große Kühe,
Kauen,
Schauen,
Tun mir nichts zu Leide,
Während ich mich durch sie durch bemühe.
Wenn sie wollten, könnten sie mich überrennen
Doch sie werden nicht dran denken,
Da sie
Quasi
Gar kein Denken kennen.
Außerdem sind sie nicht abzulenken.
Und so geh ich lautlos durch die Herde
Auf dem Gras, daran sie kauen,
Eilig,
Weil ich
Plötzlich bange werde,
Dass sie meine schwache Position durchschauen.
Vielleicht ist ja auch das folgende Ringelnatz–Gedicht eine hintergründige Anspielung auf die Schrecken der Zeit:
Ein Taschenkrebs und ein Känguruh,
Die wollten sich ehelichen.
Das Standesamt gab es nicht zu,
Weil beide einander nicht glichen.
Da riefen sie zornig: »Verflucht und verdammt
Sei dieser Bureaukratismus!«
Und hingen sich auf vor dem Standesamt
An einem Türmechanismus.
Das unermüdlich Liebe verschenkende Stehaufmännchen Joachim Ringelnatz findet aus allen seinen Albträumen und Angstgespinsten immer wieder heraus, immer wieder leicht, wenn er sein Erschrecken und seine Furcht zu Gedichten machen kann.
Ein Rauch verweht.
Ein Wasser verrinnt.
Eine Zeit vergeht.
Eine neue beginnt.
Warum? Wozu?
Denk ich dein Fleisch hinweg, so bist
Du ein dünntrauriges Knochengerüst,
Allerschönstes Mädchen du.
Wer hat das Fragen aufgebracht?
Unsere Not!
Wer niemals fragte, wäre tot.
Doch kommts drauf an, wie jemand lacht.
Bist du aus schlimmem Traum erwacht,
Ist eine Postanweisung da,
Ein Telegramm, ein guter Brief –
Du atmest tief
Wie eine Ziehharmonika.
An M. (wie Muschelkalk)
Der du meine Wege mit mir gehst,
Jede Laune meiner Wimper spürst,
Meine Schlechtigkeiten duldest und verstehst,
Weißt du wohl, wie heiß du oft mich rührst?
Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern.
Meine Liebe wird mich überdauern
Und in fremden Kleidern dir begegnen
Und dich segnen.
Und manchmal konnte die Stimmung bei ihm umschlagen.
Aus (steht dann über einem Gedicht)
Nun geh ich stumm an dem vorbei,
Wo wir einst glücklich waren,
Und träume vor mich hin: Es sei
Alles wie vor zwei Jahren.
Und du bist schön, und du bist gut
Und hast so hohe Beine.
Mir wird so loreley zumut,
Und ich bin doch nicht Heine.
Ich klappe meine Träume zu
Und suche mir eine Freude.
Auf dass ich nicht so falsch wie du
Mein Stückchen Herz vergeude.
Zu Tode betrübt. Und gleich wieder himmelhhoch jauchzend:
Ich hab dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken.
Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchtet der Ginster so gut.
Vorbei – verjährt –
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
Ist leise.
Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.
Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
An einem Sieb.
Ich hab dich so lieb.
„Er war auch nicht ständig betrunken, wie ihm nachgeredet wird, dazu hat er viel zu intensiv gearbeitet.“ Muschelkalk verteidigte ihn so. Sie arbeitete weiter in ihrem Beruf und war gleichzeitig seine Sekretärin, getreu ihrer Überzeugung, dass gemeinsame Arbeit die festeste Ehebindung sein kann. Er trat als Kabarettist auf, malte und dichtete: Lyrisches, Reklamegedichte, Erinnerungsbücher, Operetten, Sketche und Bühnenstücke.
Frau „Muschelkalk“ tippte seine Korrespondenz, seine Rollen und Manuskripte, gab Sprachunterricht, arbeitete auch eine Zeitlang bei einem türkischen Nachrichtenbüro. Ringelnatz übernahm einen Teil der häuslichen Pflichten. Gekocht wurde abwechselnd, immer von dem, der gerade Zeit hatte oder früher im Haus war. „Oh, er konnte gut kochen!“ urteilte Muschelkalk. Seine übersprudelnde Fantasie erfand immer neue Verrücktheiten, im Schmackhaften wie im weniger Bekömmlichen.
Essen ohne dich
Ich habe mich hungrig gefühlt,
Doch fast nichts gegessen.
War alles lecker, das Bier so schön gekühlt –
Aber: Du hast nicht neben mir
Gegessen.
Verzeih: Ich stellte mir vor,
Dass das ewig so bliebe,
Wenn du nicht mit mir …
Ach was geht über Liebe?
Muss ich nun doch
Ein paar Tage noch
Fressen, ohne Lust? Oh, das hass ich!
Aber wenn du von der Reise
Heimkehrst, weiß ich, dass ich
Dann wieder richtig speise.
Muschelkalk las ihm häufig abends im Bett noch vor, bis er einschlief. Ringelnatz selbst strengte das Lesen seiner schlechten Augen wegen zu sehr an.
1930 siedelte das Ehepaar Ringelnatz nach Berlin über, in die Stadt, die er neben München und Hamburg am meisten liebte. Hier malte er viel. Es gab ihm Ruhe und Befriedigung (im Telefonbuch wurde er als Kunstmaler geführt). Es waren Bilder mit viel Himmel, viel Wasser viel Buntgemaltem, viel Nebel.
Stimmungen
Machtlos, ein Grashalm, blick ich manchmal nach oben
Zu den Höhen der Menschheit und suche vergebens
Klarheit in dem ewigen Brausen und Toben
Und den unbegreiflichen Kämpfen des Lebens.
Neben mir raschelt der Tod, der lauernd und kalt
Unter vermoderten Blättern grinst.
Meiner Wünsche flehendes Lied verhallt
Im Nebelgespinst.
Manchmal steh ich, ein Eichbaum, über der Erden,
Blicke hinab auf die tausenden Ärmlichkeiten,
Folge lächelnd dem endlosen Schwinden und Werden
Und der winzigen Menschheit kleinlichem Streiten.
Und dann ist mir, als ob ein kraftvoller Tau
Morgenkühl meine Adern durchdringt.
Meine Hoffnung steigt froh ins Wolkenblau,
Wo die Lerche singt.
Joachim Ringelnatz ist nie ein reicher Mann gewesen. Mal ging es ihm besser, „Meine Hoffnung steigt froh ins Wolkenblau, wo die Lerche singt“, mal war er am Boden, „Meiner Wünsche flehendes Lied verhallt Im Nebelgespinst“. Dann kam das Jahr 1933. Ringelnatz, selbst völlig unpolitisch, litt unendlich unter der geistigen Verwahrlosung der Zeit. Aber er konnte seine Meinung über die Vorgänge in Deutschland nicht für sich behalten. So kam es, wie es kommen musste: 1934 holte man ihn in Dresden von der Bühne. Auftrittsverbot, Bücherverbot, die Bilder wurden als entartete Kunst geächtet – ihm war die Lebensgrundlage entzogen. Er verarmte über Nacht, er hatte nie vorgesorgt. Ringelnatz wollte Deutschland verlassen, er hatte ein Engagement in der Schweiz, wo er früher schon mit Erfolg aufgetreten war. Doch monatelang wurde ihm der Pass verweigert. Die Ungewissheit zermürbte ihn, das Warten und Warten und Warten nahm ihm die Kraft … eine lang verschleppte Tuberkulose brach aus. Ein Spendenaufruf von Freunden sollte ihm einen Krankenhausaufenthalt ermöglichen. Eine Mahnung, die „große Schuld an ihm zu danken“, wie es in dem Aufruf hieß. Er war unterzeichnet von Graf Johannes Kalckreuth, Hermann Mitter, Asta Nielsen, Ernst Rowohlt und Paul Wegener. Die Hilfe kam zu spät. Im Oktober 1934 unheilbar krank aus der Lungenheilstätte entlassen, stirbt Joachim Ringelnatz am 17. November in seiner Berliner Wohnung mit 51 Jahren.
Jung sterben – in besten, noch hoffenden Jahren –
Wie schön muss das sein!
Du hättest nur Gutes, nur Frohes erfahren.
Blieb Alles dein.
Und es blieb an der Stätte, wo du begraben,
Nur Liebe zurück.
So gar nichts Trübes gekostet zu haben –
Wärs nicht ein Glück?
Ehrgeiz
Ich habe meinen Soldaten aus Blei
Als Kind Verdienstkreuzchen eingeritzt.
Mir selber ging alle Ehre vorbei,
Bis auf zwei Orden, die jeder besitzt.
Und ich pfeife durchaus nicht auf Ehre.
Im Gegenteil. Mein Ideal wäre,
Dass man nach meinem Tod (grano salis)
Ein Gässchen nach mir benennt, ein ganz schmales
Und krummes Gässchen, mit niedrigen Türchen,
Mit steilen Treppchen und feilen Hürchen,
Mit Schatten und schiefen Fensterluken.
Dort würde ich spuken.
Der kleine Mann mit der großen Nase und dem wunderumwobenen Namen Joachim Ringelnatz – er hätte eigentlich gar nicht auf diese Welt kommen dürfen. Er war ein Dichter. Ein herumirrender, herumtorkelnder, sächsischer Schmetterling. Für alle, die ihm begegneten, muss er so etwas wie eine fllügelschlagende Zwischenzeitbekanntschaft gewesen sein. Einer, den man aus einem fernen Himmel heruntergeschickt hatte, die Welt anzuschauen, durch die Schlüssellöcher des Lebens zu gucken, und davon zu erzählen. Mit einem Lächeln. Mit einer kleinen Sentimentalität. So einer macht in den handfesten Wirklichkeiten, die ihn umgeben, keine Karriere. Weil er sich in ihnen vor lauter Staunen nicht zurechtfindet. Todesursache Tuberkulose – war vermutlich auf seinem Totenschein vermerkt. Aber ist er wirklich daran gestorben?
Ich habe versucht, einen Wind einzufangen.
Aber ich fand das Gefangene nicht.
Ich bin durch tiefe Wälder gegangen,
Wo der Wind ganz tief mit den Wipfeln spricht,
Wipfeln von ganz hohen Kiefern.
Ich sah im Moos eine Bierflasche liegen.
Wenn ich in einem Bierversand
Die würde abliefern,
Bekäme ich zehn Pfennige Pfand.
Ich habe versucht, das viele Versuchen
Ganz aufzugeben.
Ich nahm einer Wanze das Leben,
Die mich nur gejuckt hat. –
Unsereiner
Wird immer kleiner,
Je tiefer er ins Leben geguckt hat.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen